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Dachlandschaft Gasteig – Cecilia Förster

Wissenschaftliche Arbeit von Cecilia Förster

Dachlandschaft Gasteig

ÜBER DEN DÄCHERN
DIE FÜNFTE FASSADE ALS ÖFFENTLICHER FREIRAUM

Den Ausgangspunkt der Arbeit von Frau Förster bilden zwei Überlegungen. Zum einen, die Qualitäten eines Freiraums auf der fünften Fassade der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zum anderen, dass die fünfte Fassade das Potenzial besitzt, als Flächenressource innerhalb der bestehenden Bebauungsstruktur nutzbar gemacht zu werden und dadurch den Anteil an öffentlichen Freiräumen zu steigern. Vor diesem Hintergrund ergab sich das Thema dieser Arbeit: Über den Dächern – die fünfte Fassade als öffentlicher Freiraum.

In Auseinandersetzung mit den Funktionen eines öffentlichen Raums und den Qualitäten der fünften Fassade präzisierte sich folgende These: „Die bestehende fünfte Fassade weist das Potenzial auf, einen öffentlichen Freiraum, der auf Quartiersebene seine Nutzer fußläuig vernetzt, als Begegnungs- und Kommunikationsraum, Erholungs- und Aufenthaltsort sowie Aussichtspunkt fungiert, auf ihr zu realisieren.“, welche in dieser Arbeit verifiziert wird.

Zunächst gibt die Thesis ein Überblick über die Qualitäten und den daraus hervorgehenden Mehrwert für die Stadtbevölkerung, wodurch die Sinnhaftigkeit eines öffentlichen Freiraums auf der fünften Fassade, der seine Nutzer auf Quartiersebene vernetzt, verdeutlicht wird. Hierauf wird das Potenzial der bestehenden fünften Fassade, als Flächenressource auf der unabhängig von der ebenerdigen Freiraumstruktur die Anzahl an öffentlichen Frei- und Grünräumen gesteigert werden kann, am Untersuchungsgebiet München dargelegt.

Anschließend erörtert die Arbeit die Umsetzung eines öffentlichen Freiraums auf der bestehenden fünften Fassade von der Planung über das Konzept bis hin zum geschätzten Kostenaufwand. Dabei wurde festgestellt, dass ein öffentlicher Freiraum auf der bestehenden fünften Fassade im aktuell geltenden Recht umsetzbar
ist. Nachfolgend wird anhand eines konzeptionellen Entwurfs die Realisierbarkeit eines öffentlichen Freiraums auf der bestehenden fünften Fassade, der seine Nutzer auf Quartiersebene vernetzt
und als Begegnungs- sowie Kommunikationsraum, Erholungs- und Aufenthaltsort sowie Aussichtspunkt fungieren kann, am Beispiel des Potenzialraums Gasteig belegt. Abschließend zeigt die aus dem Entwurf abgeleitete Kostenschätzung, dass ein öffentlicher Freiraum auf der fünften Fassade mit den zu erzielenden Merkmalen keinen geringen inanziellen Aufwand mit sich bringt, der jedoch im Verhältnis zum geschaffenen Mehrwert für die Stadt und die Bevölkerung gesehen werden muss.

Folglich weist die wissenschaftliche Arbeit das Potenzial der fünften Fassade als Flächenressource im Allgemeinen und für einen öffentlichen Freiraum, der seine Nutzer auf Quartiersebene vernetzt, im Spe- ziellen nach. Damit leistet die vorliegende Arbeit einen Beitrag zur Stadt- und Raumplanung, beziehungsweise zur Stadt- und Raumentwicklung und insbesondere zur städtischen Freiraumplanung.

 

These zum Dach als öffentlichen Freiraum

DIE FÜNFTE FASSADE UND IHRE QUALITÄTEN

Die Faszination, den höchsten Punkt der Umgebung zu erklimmen, ist tief im Menschen verwurzelt. Dies versinnbildlichen Tempel und Burgen auf Anhöhen, Gipfelkreuze, Türme und Aussichtsplattformen (Alexander et al. 2011, S.337). Der Mensch besteigt Berge oder Tür- me, um mit der Höhe den Überblick und die Orientierung zu gewinnen, bekannte Punkte zu suchen und in der ihm zu Füßen liegenden Landschaftsstruktur einzuordnen. Durch die weite Sicht kann er wachen und beobachten, was ihn im Ausguck einer Mastspitze bemächtigt, das Schiff zu lenken (Adam 2013, S.1; Schindler 2005, S. 67). Die Vogelperspektive erweitert den Blick und verkleinert perspektivisch das, was am Boden geschieht (Görner 2016, S.8). Somit ist die erhöhte Position auch Ausdruck sowie Vermittler von Erhabenheit, Macht und Herrschaft. Grund genug für ein anhaltendes Wetteifern um das höchste Gebäude auf der Welt (Schindler 2005, S.68).

Mit dem Erreichen des hohen Standortes aus eigener Kraft meint der Mensch, dass sich diese Größe auch auf ihn überträgt, dabei verbild- licht sie ihm gleichzeitig, wie klein er ist (Görner 2016, S.8). Denn die Erfahrung, auf Augenhöhe mit dem Horizont zu sein, ermöglicht es dem Betrachter einen Begriff von der Welt und seines Verhältnisses zu ihr zu bekommen (Goethe zit. in Schindler 2005, S.68).

Dadurch, dass Hochpunkte ihre Umgebung überragen, sind sie aus der Ferne sichtbar und dienen ebenfalls als Orientierungsmarken (Alexander et al. 2011, S.339).

Aus diesen Gründen ist der Gedanke, den höchsten Punkt eines Hauses – das Dach – zu begehen sowie auf ihm einen Freiraum zu schaffen, nicht weit und wie ein Blick in die Architekturgeschichte zeigt, auch nicht neu.

Denn die fünfte Fassade bietet neben ihrem Ausblick weitere Vorteile. Da die umliegende Bebauung vergleichsweise niedriger ist, weist die Dachfläche einen geringen Verschattungsgrad auf. Durch die physische Trennung vom ebenerdigen Geschehen und dem damit verbundenen Geräuschpegel ist er von diesem weitgehend unbeeinflusst. Zudem erlaubt ein Freiraum auf dem Dach durch seine Lage nur eine geringe Einsehbarkeit.

Aufgrund der zahlreichen Qualitäten eines Freiraums auf der fünften Fassade prophezeiten Pierre Jeanneret und Le Corbusier dem Dachgarten, dass er „zum bevorzugtesten Ort des Hauses“ wird (Jeanneret et al. 1927, S.273).

DER ÖFFENTLICHE RAUM bzw. FREIRAUM UND SEINE QUALITÄTEN

Der öffentliche Raum, seine Definition, Nutzung und Gestaltung stehen immer in Abhängigkeit zum Gesellschaftssystem, das in ihm lebt und ihn gestaltet. Gleichzeitig beeinflusst der öffentliche Raum durch seine Gestalt auch das gesellschaftliche Handeln. Aufgrund dieser wechselseitigen Beziehung ist der öffentliche Raum immer im Wandel mit der Gesellschaft und lässt sich nicht abschließend definieren (Hövelborn 1982, S.701-702).

Laut Hövelborn kann aber allgemein festgehalten werden, dass der öffentliche Raum derjenige Raum ist, „[…] welcher die physisch als Einzelwesen gearteten und zur sozialen Interaktion veranlagten Men- schen in geeigneten baulich-architektonischen Formen auf bestimmte Weise miteinander und mit den gemeinschaftlichen Erscheinungsformen einer Kultur in Beziehung bringt.“ Somit ist der öffentliche Raum Sinnbild der Beziehung zwischen dem Gemeinwesen und seinen Mitgliedern und bietet den Rahmen für soziale Interaktion und Begegnung (Hövelborn 1982 S. 64). Den Ausgangspunkt dieses Austausches bildet das gegenseitige Hören, das Sehen und Gesehenwerden – das Beobachten des städtischen Treibens. Denn wie Gehl es ausdrückt ist „[…] das wichtigste Thema unseres Lebens: unsere Mit- menschen“ (Gehl 2015 S.37). Dies spiegelt sich auch im Zusammenhang zwischen Attraktivität und Belebtheit eines öffentlichen Raumes und findet seine Metapher in der Oma, die auf einem Kissen aufgefstützt, vom Fenster aus das Straßengeschehen verfolgt (Gehl 2015, S.39- 40). Voraussetzung für die beschriebenen Zusammenhänge im öffentlichen Raum ist aber die Teilnahme am öffentlichen Geschehen, an dessen Anfang immer das Gehen, die Fortbewegung steht. So- mit ist ein Gang durch die Stadt auch „[…] eine besondere Form der Gemeinschaftspflege unter Menschen, die den öffentlichen Raum als Plattform und Rahmen nutzen“ (Gehl 2015, S.32). Daraus lässt sich ableiten, dass erst durch das Gehen die Qualitäten des öffentlichen Raums wahrgenommen und geschaffen werden.

Ein öffentlicher Freiraum zeichnet sich zusätzlich durch seinen Bezug zur Natur aus und ermöglicht dadurch die Freizeitgestaltung, die Erholung sowie sportliche Tätigkeiten und stellt für Hövelborn damit den „Naturraum der Gesellschaft“ dar (Hövelborn 1982, S.66). Diese Definition ist aber im allgemeinen und nicht im engsten Sinne zu verstehen. So stellen nicht nur Parks wie beispielsweise der Englische Garten in München diesen Bezug und Nutzen her, sondern auch Plätze wie der Königsplatz können im urbanen Kontext diese Merkmale aufweisen.

Gemessen an ihrer Größe und ihren Funktionen agieren Freiräume auf verschiedenen Ebenen des Wirkungskreises und somit der Nutzergruppen. Während beispielsweise Hauptplätze von allen Bewohnern einer Stadt genutzt werden und zentrale Orte des Verkehrs, des Handels und der öffentliche Einrichtungen darstellen, agieren kleinere Plätze auf Stadtteilebene. Die Hierarchisierung von öffentlichen Freiräumen lässt sich von der Bedeutungsebene für die Stadt, über den Stadtteil und das Quartier bis hin zur Nachbarschaft fortführen (Hein- ritz 1979, S.29 – 37; LHM, Referat für Stadtplanung und Bauordnung 1995, S.13 -17).

Wie einleitend erläutert, baut die Arbeit auf zwei Hauptgedanken auf. Zum einen, dass die fünfte Fassade das Potenzial besitzt, als Flächenressource innerhalb der bestehenden Bebauungsstruktur nutzbar gemacht zu werden und zum anderen, die Qualitäten eines Freiraums auf der fünften Fassade der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wie die dargestellten Projekte zeigen, wurde dieses Potenzial bereits erkannt und auf einzelnen Neubauten umgesetzt. Beispiele für einen öffentlichen Freiraum, der durch eine fußläuige Verbindung auf Stadt-, Stadtteil- oder Quartiersebene seine Nutzer vernetzt, wurden seltener gefunden und meist auf Infrastrukturbauten realisiert, woraus sich das dritte Kriterium ergab. Ein Beispiel für eine dauerhafte Umsetzung eines öffentlichen Freiraums auf der bestehenden fünften Fassade, der seine Nutzer auf Quartiersebene fußläuig vernetzt, konnte bei den vorausgehenden Recherchen nicht gefunden werden und manifestiert die Forschungslücke.

Resultierend aus den erörterten Definitionen und Qualitäten der fünften Fassade und des öffentlichen Raums können folgende Merkmale für einen öffentlichen Freiraum auf der bestehenden fünften Fassade, der auf Quartiersebene seine Nutzer fußläuig vernetzt, festgehalten werden.

Ein öffentlicher Freiraum ist für alle Gesellschaftsschichten zugänglich und somit der Zugang kostenfrei und vom Konsum unabhängig. Durch eine fußläuige Vernetzung auf Quartiersebene kann er durch- gangen werden, womit er die Voraussetzung für soziale Interaktion und dadurch einen Raum der Begegnung und der Kommunikation schafft. Aufgrund seiner Lage auf der fünften Fassade ermöglicht er nicht nur das Beobachten des öffentlichen Lebens auf gleicher Höhe, sondern auch des ebenerdigen Geschehens, wodurch er gleichermaßen als Aufenthaltsort und Aussichtpunkt fungiert. Zudem stellt der öffentliche Freiraum auf der fünften Fassade einen Bezug zur Natur her und bietet durch den Blick in die Ferne sowie auf die Stadt und die Trennung vom ebenerdigen Geschehen sowie seiner Geräuschkulisse einen Ort der Erholung.

Aus dieser Argumentation lassen sich zwei Hypothesen ableiten.
Die bestehende fünfte Fassade weist das Potenzial auf, einen öffentlichen Freiraum auf ihr zu realisieren.

Ein öffentlicher Freiraum auf der bestehenden fünften Fassade kann auf Quartiersebene seine Nutzer fußläuig vernetzen und als Begeg- nungs- und Kommunikationsraum, Erholungs- und Aufenthaltsort so- wie Aussichtspunkt fungieren.

Diese Annahmen fassen sich in folgender These zusammen. Die bestehende fünfte Fassade weist das Potenzial auf, einen öffentlichen Freiraum, der auf Quartiersebene seine Nutzer fußläuig vernetzt, als Begegnungs- und Kommunikationsraum, Erholungs- und Aufenthaltsort sowie Aussichtspunkt fungiert, auf ihr zu realisieren.

Daraus ergibt sich eine Reihe an Forschungsfragen, die es zur Verifizierung der Thesen zu beantworten gilt.
Unter welchen Voraussetzungen besteht die Möglichkeit, einen öffentlichen Freiraum auf der bestehenden fünften Fassade, der auf Quartiersebene seine Nutzer fußläuig vernetzt und als Begegnungs- und Kommunikationsraum, Erholungs- und Aufenthaltsort sowie Aussichtspunkt fungiert, zu realisieren?

Welches Flächenpotenzial ist vorhanden, die bestehenden fünften Fassaden als öffentlichen Freiraum, der auf Quartiersebene seine Nutzer fußläuig vernetzt und als Begegnungs- und Kommunikations- raum, Erholungs- und Aufenthaltsort sowie Aussichtspunkt fungiert, zu nutzen?

Welcher Mehrwert entsteht durch einen öffentlichen Freiraum auf der fünften Fassade, der auf Quartiersebene seine Nutzer fußläuig vernetzt und als Begegnungs- und Kommunikationsraum, Erholungs- und Aufenthaltsort sowie Aussichtspunkt fungiert?

Wie lässt sich ein öffentlicher Freiraum auf der fünften Fassade, der auf Quartiersebene seine Nutzer fußläuig vernetzt und als Begegnungs- und Kommunikationsraum, Erholungs- und Aufenthaltsort so- wie Aussichtspunkt fungiert, hinsichtlich des rechtlichen Rahmens, der bautechnischen Realisierbarkeit und des Konzeptes umsetzen?

Wie viel kostet es, einen öffentlichen Freiraum auf der fünften Fassade, der auf Quartiersebene seine Nutzer fußläuig vernetzt und als Begegnungs- und Kommunikationsraum, Erholungs- und Aufenthalts- ort sowie Aussichtspunkt fungiert, zu realisieren?